Tradition auf dem Teller 

Gerichte mit Geschichte

Ein Artikel von Alexandra Pickner | 19.05.2026 - 08:28
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Süß, knusprig und voller Tradition – der Bienenstich verbindet feine Backkunst mit einer jahrhundertealten Legende. © Juefrateam/Shutterstock.com

Vom schnellen Imbiss bis zur legendären Mehlspeise: Viele Gerichte, die heute rund um die Welt bekannt sind, haben eine ziemlich ungewöhnliche Entstehungsgeschichte.

Bienenstich – Kuchen mit ziemlich wilder Vorgeschichte

Der Name klingt süß, die Legende dahinter eher nicht: Angeblich sollen Bewohner der Stadt Linz am Rhein im 15. Jahrhundert ihre Angreifer mit Bienenstöcken vertrieben haben. Zur Feier des Sieges soll anschließend ein besonderer Kuchen serviert worden sein – der Bienenstich. Ob die Geschichte wirklich stimmt, weiß heute niemand mehr genau. Fest steht aber: Die Mischung aus Hefeteig, Cremefüllung und karamellisierten Mandeln wurde zum absoluten Klassiker.

Sachertorte – Ein Lehrling schreibt Dessertgeschichte

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Die Sachertorte gehört zu den bekanntesten Spezialitäten der Wiener Kaffeehauskultur. Mit feiner Schokolade und Marillenmarmelade ist sie seit Generationen ein echter Klassiker. © barmalini/Shutterstock.com

1832 musste in Wien plötzlich improvisiert werden: Der Chefkoch von Fürst Metternich war krank, also sollte der erst 16-jährige Kochlehrling Franz Sacher kurzfristig ein besonderes Dessert zaubern. Heraus kam eine Schokotorte mit Marillenmarmelade, die später weltberühmt wurde. Jahrzehnte später stritten sogar das Hotel Sacher und die Konditorei Demel darum, wer das „Original“ verkaufen darf.

Currywurst – Deutschlands berühmtester Imbiss

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Herzhaft, würzig und seit Generationen beliebt – kaum ein Snack steht so sehr für deutsche Imbisskultur wie die Currywurst. © Food Impressions/Shutterstock.com

Die Currywurst entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und wer die Currywurst tatsächlich erfunden hat, wird zwischen Hamburg und Berlin vermutlich niemals endgültig geklärt werden. Die Imbissbetreiberin Herta Heuwer experimentierte damals mit Zutaten, die sie von britischen Soldaten bekam: Currypulver, Worcestersauce und Ketchup. Daraus entwickelte sie ihre eigene Sauce – und schuf damit einen echten Kultklassiker. Sogar ein Patent ließ sie sich später darauf eintragen. Damit wurde die Currywurst endgültig zur Legende der deutschen Imbisskultur.

Seitdem genießt die Currywurst vor allem in Berlin absoluten Kultstatus. Ob nach dem Feiern, in der Mittagspause oder als Pflichtstopp für Touristen – die Kombination aus würziger Sauce, Curry und Bratwurst gehört für viele genauso zu Berlin wie das Brandenburger Tor oder das Reichstagsgebäude. 

Bismarck Herring – Der Lieblingsfisch des Kanzlers?

Wie der Bismarckhering genau zu seinem Namen kam, darüber streitet man bis heute. Besonders bekannt ist die Erzählung eines Stralsunder Fischhändlers, der Otto von Bismarck ein Fass eingelegte Heringe geschickt haben soll – zusammen mit der Bitte, den Fisch künftig unter dem Namen „Bismarckhering“ verkaufen zu dürfen. Der Reichskanzler soll persönlich zugestimmt haben. Das Schreiben hing angeblich jahrzehntelang in der Fischfabrik des Händlers, bis es im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Eine andere Version führt nach Flensburg: Dort soll Bismarck während des deutsch-dänischen Kriegs sauer eingelegten Hering probiert und so begeistert davon gewesen sein, dass der Wirt das Gericht kurzerhand nach ihm benannte. Wahrscheinlich trug aber auch der enorme Kult um den Reichskanzler dazu bei, dass sein Name plötzlich auf allem auftauchte – von Straßen über Brücken bis hin zu Fischgerichten.

Spaghetti alla carbonara – Die Pasta mit den vielen Legenden

Kaum ein Nudelgericht sorgt bis heute für so viele Diskussionen wie Carbonara. Wo sie tatsächlich erfunden wurde, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Rom gilt zwar als Heimat des Klassikers, doch auch Neapel beansprucht die Ursprungsgeschichte für sich. Sicher ist nur: Die Carbonara, wie man sie heute kennt, ist überraschend jung. Erst in den 1950er-Jahren tauchte sie offiziell in Kochbüchern auf.

Spannend ist v. a.  die Theorie rund um amerikanische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Historiker vermuten, dass GIs Speck und Eier aus ihren Essensrationen in italienische Küchen brachten – Zutaten, die später typisch für die Carbonara wurden. Andere glauben wiederum, dass italienische Köhler, die sogenannten „Carbonari“, das einfache Pastagericht schon lange zuvor über offenem Feuer gekocht haben. Darauf könnte sogar der Name „Carbonara“ hindeuten, der sinngemäß „nach Köhler-Art“ bedeutet.

Kaiserschmarrn – Aus Versehen ein Klassiker?

Rund um den Kaiserschmarrn gibt es gleich mehrere Legenden – und fast alle haben mit Kaiser Franz Joseph zu tun. Einer der bekanntesten Geschichten zufolge misslang einem Hofkoch die Palatschinke komplett: zu dick, zerrissen und alles andere als elegant. Aus der Not heraus wurde der Teig zerzupft, mit Rosinen und Staubzucker serviert und scherzhaft als „Kaiserschmarrn“ bezeichnet.

Eine andere Version erzählt, dass ein Diener das misslungene Dessert trotzdem zum Kaiser brachte. Als dieser irritiert fragte, was das denn für ein „Schmarrn“ sei, soll der Diener geantwortet haben: „Majestät, das ist ein Kaiserschmarrn.“

Besonders charmant ist auch die Geschichte einer Bauernfamilie: Angeblich verirrte sich der Kaiser während einer Jagd und kehrte spontan bei einem Bauernhof ein. Weil kaum Zutaten vorhanden waren, bereitete die Bäuerin aus Eiern, Milch und Mehl eine einfache Süßspeise zu. Der Kaiser war begeistert – und aus dem „Schmarrn“ wurde angeblich der Kaiserschmarrn.

Königsberger Klopse – Hackbällchen mit Philosophenbonus

Die berühmten Königsberger Klopse wurden früher einfach „Saure Klopse“ genannt. Erst später setzte sich der heutige Name durch. Einer der Gründe könnte Philosoph Immanuel Kant gewesen sein, der das Gericht bei Einladungen serviert haben soll und es dadurch bekannt machte. Verbreitet wurde das Rezept vermutlich auch durch ostpreußische Köchinnen und Hausangestellte, die es in andere Regionen mitnahmen.

Waldorf salad – Luxus-Salat aus New York

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Knackiger Waldorf Salad mit Apfel, Sellerie und Walnüssen, frisch, cremig und die perfekte Mischung aus süß und herzhaft. © 5PH/Shutterstock.com

Der Waldorfsalat wurde Ende des 19. Jahrhunderts im berühmten Waldorf-Astoria-Hotel in New York erfunden. Der Schweizer Küchenchef Oscar Tschirky kombinierte Äpfel, Sellerie und Nüsse zu einem damals völlig neuen Salat. Später wurde der Waldorfsalat weltweit bekannt und gehörte jahrzehntelang zu den beliebtesten Gerichten der gehobenen Küche.

Eggs Benedict – Frühstück gegen den Kater

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Goldgelbe Hollandaise, pochierte Eier und knuspriges Brot – Eggs Benedict ist der Inbegriff eines stilvollen Frühstücks. © Food is Love/Shutterstock.com

Wer Eggs Benedict wirklich erfunden hat, ist bis heute unklar. Eine bekannte Geschichte erzählt von einem New Yorker Börsenmakler, der mit schwerem Kater ins Hotel Waldorf-Astoria kam und nach einem besonders kräftigen Frühstück verlangte. Pochierte Eier, Schinken und Sauce Hollandaise sollen daraus entstanden sein. Ob wahr oder Mythos – das Gericht wurde weltberühmt.

Caesar salad – Der Salat, der eigentlich aus Mexiko kommt

Der Caesar Salad zählt heute zu den bekanntesten Salaten überhaupt – seine Wurzeln liegen allerdings nicht in den USA, sondern in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana. Dort soll der italo-amerikanische Restaurantbesitzer Cesare Cardini in den 1920er-Jahren eher zufällig den Grundstein für den Klassiker gelegt haben.

Der Legende nach feierten zahlreiche Amerikaner in seinem Restaurant den amerikanischen Unabhängigkeitstag, weil während der Prohibition in Mexiko weiterhin Alkohol ausgeschenkt werden durfte. Als die Vorräte knapp wurden, improvisierte Cardini kurzerhand mit den verbliebenen Zutaten. Aus knackigem Römersalat, knusprigen Croûtons, Parmesan und einem cremigen Dressing mit Ei, Knoblauch und Sardellen entstand ein völlig neues Gericht. Besonders ungewöhnlich war damals das Dressing mit rohem Ei.
Der Caesar Salad verbreitete sich rasch über die USA hinaus und wurde weltweit zum Klassiker. Heute gibt es unzählige Varianten – mit Huhn, Speck oder auch vegetarisch und vegan. Trotzdem bleibt die einfache Originalidee bis heute das Erfolgsrezept.

Toast Hawaii – Die TV-Küche der 1950er

Toast Hawaii wurde in den 1950er-Jahren durch Fernsehkoch Clemens Wilmenrod berühmt. Die Mischung aus Toastbrot, Schinken, Ananas und geschmolzenem Käse wirkte damals exotisch und modern – für viele Menschen der Nachkriegszeit war das ein kleines Stück Fernweh auf dem Teller. Der Name „Hawaii“ sollte tropisches Urlaubsgefühl vermitteln, obwohl das Gericht mit der echten hawaiianischen Küche nichts zu tun hat.

Mit den Jahren entwickelte sich Toast Hawaii allerdings auch zum Symbol einer sehr speziellen Küchenkultur der Nachkriegszeit. In vielen Gourmetkreisen gilt die Kombination aus Dosen-Ananas, Schmelzkäse und Cocktailkirsche bis heute als Inbegriff kulinarischer Geschmacklosigkeit.  

Hamburger – Kam der Burger wirklich aus Hamburg?

Der Name deutet zumindest darauf hin. Tatsächlich gab es in Hamburg schon früh einfache Fleischbrötchen, die Auswanderer vermutlich mit in die USA nahmen. Der Hamburger sorgt bis heute für Streit: Mehrere Regionen in den USA beanspruchen, ihn erfunden zu haben. Der Name deutet jedoch auch auf eine Verbindung nach Deutschland hin – genauer gesagt nach Hamburg. Tatsächlich brachten deutsche Auswanderer im 19. Jahrhundert die Idee eines „Rundstück warm“ mit in die USA: ein Brötchen mit Frikadelle und etwas Soße, ursprünglich eher ein praktisches Reiseessen auf langen Schiffspassagen über den Atlantik.

In den USA entwickelte sich daraus nach und nach der moderne Hamburger. Interessant ist dabei auch der Name selbst: „Ham“ bedeutet zwar Schinken, hat aber mit dem heutigen Burger wenig zu tun. Wie genau der Name entstanden ist, bleibt umstritten. Eine populäre Geschichte erzählt von einem jungen Markthändler namens Charlie, der vor rund 140 Jahren Fleischklößchen zwischen zwei Brotscheiben servierte. Weil viele deutsche Einwanderer in seiner Stadt lebten, soll er das Gericht in Anlehnung an Hamburg „Hamburger“ genannt haben. Heute erinnert dort sogar eine Statue an ihn. Aus einem einfachen Auswanderer-Snack wurde so ein weltweites Fast-Food-Symbol – mit unzähligen Varianten, von klassisch bis extravagant.

Gulasch – Hirtenessen wird Kultgericht

Die Geschichte des Gulasch ist eng mit der Verbreitung des Paprikas verbunden. Im 16. Jahrhundert gelangte das Gewürz über das Osmanische Reich nach Mitteleuropa und wurde während der türkischen Herrschaft auch in Ungarn eingeführt. Paprika – damals oft als „türkischer Pfeffer“ bezeichnet – durfte von der einheimischen Bevölkerung zunächst kaum selbst angebaut werden. Dennoch fanden ungarische Bauern Wege, die Pflanze zu kultivieren und entwickelten im Laufe der Zeit besonders aromatische Sorten, von mild bis scharf.

Lange Zeit blieb Paprika ein Gewürz der einfachen Leute. Da er deutlich günstiger war als importierter Pfeffer, nutzten ihn Bauern als preiswerte Alternative. So begann man auch, Fleischgerichte wie das spätere Gulasch damit zu würzen, wodurch der typische kräftige Geschmack entstand.

Das ursprüngliche „gulyás hús“ war zunächst ein einfaches Hirtengericht, das v. a. auf den ungarischen Ebenen von Viehhirten zubereitet wurde. Erst im Zuge des wachsenden Nationalbewusstseins Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das Gulasch zu einem Symbol ungarischer Identität und fand Eingang in die gehobene Gesellschaft. Besonders in der Zeit Kaiser Josephs II. wurde die Bewahrung nationaler Traditionen wichtig, wodurch auch die heimische Küche stärker geschätzt wurde.

Von Ungarn aus verbreitete sich das Gericht rasch in ganz Mitteleuropa. Über die Pressburger Region gelangte es Anfang des 19. Jahrhunderts nach Wien und wurde dort schnell populär. Wie genau das Gulasch den Weg dorthin fand, ist bis heute nicht eindeutig geklärt: Manche sehen das 39. ungarische Infanterieregiment als Vermittler, andere vermuten, dass österreichische Soldaten das Gericht direkt in Ungarn kennenlernten.