Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen

Ein Artikel von Alexander Lupersböck | 19.01.2021 - 12:52
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Romana Echensperger MW © Konstantin Volkmar

"Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen." So lautet der Titel eines aktuellen Buchs über biodynamisches Winzerhandwerk. Es hat das Zeug zur Standardliteratur über Wein.

Ich gebe zu, dass mich der Titel fast ein wenig abgeschreckt hat, denn wie viele andere auch bin ich dem philosophischen (oftmals esoterisch erscheinenden) Unterbau der Anthroposophie eher skeptisch zugetan. Andererseits: Wenn eine Fachfrau wie Romana Echensperger, Spitzensommelière und als Master of Wine (MW) mit den höchsten Wein-Weihen gesegnet, sich dieses Themas annimmt, kann man sehr viel valide Information erwarten.

Und man wird nicht enttäuscht!

Allein das Kapitel „Eine kurze Geschichte der Landwirtschaft“ zeigt in kompakter und informativer Weise auf, weshalb sich die Biodynamik aus Rudolf Steiners anthroposophischen Betrachtungen entwickelte. Die Landwirtschaft befindet sich nämlich schon seit über einem Jahrhundert im Würgegriff der Rationalisierungen, des Mehrertrags und der Industrialisierung um jeden Preis. Steiner gab Gedankenanstöße, wie man „mit“ statt „von“ der Natur leben und so die Grundlagen der Landwirtschaft – Böden, Tiere, nicht zuletzt die Menschen – schützen und für langfristige Bewirtschaftung erhalten kann.

Rational und rationell

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Romana Echensperger
Westend Verlag
ISBN: 978-3-86489-299-8
Einzelpreis: 32 Euro
© Westend Verlag

Romana Echensperger MW porträtiert zwölf biodynamische Winzer in Deutschland, Österreich, Frankreich und Südtirol. Dabei wird mit jedem Kapitel klarer, dass biodynamische Landwirtschaft nicht nach Rezept und Anleitung funktioniert, sondern ganz viel vom individuellen Zugang abhängt. Dass man „basierend auf eigenen Sinneseindrücken selbstständig Entscheidungen treffen und dabei auf die vielen industriellen Betriebsmittel verzichten kann“. Dabei geht es um „die Suche nach mehr Freiheit von Empfehlungen der Spritzmittelerzeuger, den von der Industrie beeinflussten Weinbauschulen und nicht zuletzt von der unterschwelligen Angst, ökonomisch zugrunde zu gehen, wenn man sich nicht an die konventionellen Bewirtschaftungsmethoden hält“.

Alle zwölf Befragten betonen dabei, dass man zunächst einmal die Grundlagen des Weinbaus erlernen und studieren muss – erst dann, und mit viel Erfahrung, kann man den Schritt in die Biodynamie machen. So wie ein anthroposophischer Mediziner zuerst auch einmal „Schulmedizin“ studiert haben muss, um sich dann individuell weiterzuentwickeln.

Wichtig und richtig

Es ist wohltuend zu erfahren, wie die vorgestellten Winzer die Dinge betrachten. Die meisten geben auch zu, dass sie Steiners Schriften nicht gelesen beziehungsweise verstanden haben, aber sich selbst aus Bausteinen die für sie passende Art entwickelt haben, die zu ihrer jeweiligen Situation passt. Das hat weniger mit Glauben zu tun, als man meinen möchte, denn wenn die nichtstoffliche Wirkungsweise der Präparate und Maßnahmen (derzeit) auch nicht nachweisbar ist – die Ergebnisse und Weine sind es. Und die Natur für kommende Generationen fruchtbar zu erhalten, ist wohl das Vernünftigste, was man tun kann. Ein Lesevergnügen für alle Weinfreunde und ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit!