Cartizze - das Herz des wahren Prosecco

Ein Artikel von Alexander Magrutsch | 20.10.2010 - 13:02
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© Magrutsch

„… di Cartizze“ lautet der Zusatz der zumindest in Italien und im Speziellen in der Region selbst begehrtesten, weil raren Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore. 106 ha sind im Vergleich zu den 6.100 ha Gesamtrebfläche der Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG eine fast verschwindende Größe. Dennoch haftet dem Cartizze eine eigene Aura an, die es Wert erscheinen lässt, sich auf die Entdeckung dieses „Königs des Prosecco“ einzulassen.Um gleich einem vermeintlichen Missverständnis entgegenzutreten: Hier handelt es sich nicht um den Prosecco frizzante, den man in jedem Supermarkt oder in schlecht sortierten Bars erhält und der in den Flachlagen des Veneto und im Friaul in Massen produziert wird. Wir sprechen hier vom Nukleus des Prosecco, dem Spumante von den Hügeln und Berglagen im Gebiet von Valdobbiadene und Conegliano in der Provinz Treviso nördlich von Venedig.

Kontrolliert und garantiert

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© Consorzio

2009 wurde das historische Produktionsgebiet Conegliano Valdobbiadene zur DOCG aufgewertet und die übrigen Anbauflächen im Veneto und Friaul wurden zur Prosecco-DOC erklärt. Also weg von der Sortenbezeichnung „Prosecco“ hin zur Herkunftsbezeichnung. Das Preisniveau liegt bei € 6,– bis 15,– für Privatkunden ab Weingut, also deutlich höher als der Supermarkt-Frizzante. Die Ertragsgrenzen sind im Vergleich nur halb so hoch, dazu kommt der größere Arbeitsaufwand in den Steillagen.

Cartizze Terroir

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© Magrutsch

Die Ausdrucks- und Strahlkraft der „echten“ Proseccos ist eine einnehmende. Dem österreichischen und deutschen Gaumen vertraut sind die Brut-Varianten. Cartizze aber ist anders, auf den Cartizze-Stil muss man sich einlassen und sich ihm langsam nähern. Prosecco der DOCG Conegliano Valdobbiadene wird in drei Versionen – brut (bis 12g/l Restzucker), extra dry (12–17g) und dry (17–32g) – angeboten, wobei die Cartizze fast ausschließlich dry sind. Die verkosteten Proben lagen meist um die 20 bis 28g/l. Was aber macht einen Cartizze aus?Es sind die niedrigeren Ertragsgrenzen mit 12.000kg/ha (statt 13.500kg/ha bei den übrigen Conegliano Valdobbiadene DOCG), die Lage, der Boden und das Klima. Ermes Marsura vom Weingut Marsuret, einer der besten Produzenten, erklärt, dass die Lage Cartizze deutlich wärmer ist und der Schnee hier früher schmilzt als in anderen Rieden, die sie umgeben. Dann noch der Boden: Sandstein, Moränenablagerungen, dazu Lehm, der in den trockenen Perioden einen Wasserspeicher bildet. Das schmeckt man. Die Weine strahlen Wärme und Gediegenheit aus, zeigen eher nussige als fruchtige Aromen, wirken auf den ersten Schluck aufgrund des höheren Restzuckers mollig, begeistern danach mit Mineralität und fast nobler Finesse und Erdigkeit. Getrunken werden die meisten Cartizze-Flaschen übrigens in der Region selbst. Also auf ins Veneto•

Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG

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© Consorzio

Gesamtfläche Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG: 6.100 ha
Superiore di Cartizze: 106 ha
Gesamtproduktion Spumante im Jahr 2009:  51.656.000 Flaschen (0,75l)
Produktion Superiore di Cartizze im Jahr 2009: 1.299.000 Flaschen (0,75l)
Rebsorten: mindestens 85% Gerla, dazu
lokale Sorten wie Verdiso, Perera, Bianchetta und Gerla Lunga oder die internationalen Sorten Pinot noir und Chardonnay
Vinifikation: nur innerhalb der 15 DOCG-Gemeinden möglich
Abfüllung: nur in den Kellereien der Provinz Treviso erlaubt

Cartizze.pur

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© Archiv

Sämtliche Weine wurden Mitte Mai anlässlich der Veranstaltung „Vino in Villa“ im Rahmen des sehenswerten Castello San Salvatore in Susegana verkostet. Rund ein Drittel der 77 teilnehmenden Betriebe präsentierte einen Cartizze. Die hier beschriebenen Cartizze sind die Empfehlungen von wein.pur-Chefredakteur Alexander Magrutsch.

Astoria, Refrontolo:
Cartizze
Zeigt von A–Z Frische und reiche Frucht, dazu mineralisches Knistern, offenherzig, klar, saftig, mit Länge, gut.

Bisol, S. Stefano:
Cartizze dry
Zuerst verhalten, dann nussig; sehr typisch, erdig, zeigt gute Stoffigkeit, dazu Schokonote, durchaus elegant und rund.

Bortolomiol, Valdobbiadene:
Cartizze dry
Ein Highlight. Übt sich in nobler Zurückhaltung, geht langsam im Glas auf, eher blumig als fruchtbetont, hefig, Keks-Note, nussig, lässt den Kalkboden erahnen, wirklich fein.

Drusian, Bigolino:
Cartizze
Deutliche Amaretti-Note, dazu Schoko; vollmundig, punktet mit Saftigkeit gepaart mit Eleganz, wieder nussig und erdiges Ursprungszeugnis am Gaumen, mundvoll guter Cartizze.

Silvano Follador, S. Stefano:
Cartizze brut
Brut – eine Rarität. Kompakt, kernig, bereits leicht gereifte Aromen, spielt gut den kreidigen Charakter aus.

Le Bertole, Valdobbiadene:
Cartizze
Rauchige Note, Kaffee; vollmundig, nussig, vergleichsweise süßlich wirkend, hinten nach dezente Mineralität und Säure, anhaltend, eigenständiger Stil.

Maccari, San Vendemiano:
Cartizze dry
Erinnert an Litschi und Ingwer; wirkt sehr auf die Frucht getrimmt, cremig, die Süße steht etwas im Vordergrund, leichtes Bitterl im Abgang.

Marsuret, Guia:
Cartizze
Toll und mineralisch! Punktet nicht nur mit animierender Frucht, besitzt auch Spannung und mineralische Eleganz, spielt mit Süße und Säure, steinig, strukturiert, bleibt lang auf Zug.

Mionetto, Valdobbiadene:
Cartizze dry
Gutes Fruchtspektrum, Kräuter, Apfel, Limetten; etwas plakatives Süße-Säures-Spiel, hefige Note, trocken wirkender Abgang.

Spagnol, Vidor:
Cartizze dry
Deutliche Birnen-Apfel-Frucht; erdig, schottrig, strahlt zugleich Wärme und Kühle aus, Wiesenblumen, saftig, samtig, mit guter Länge.

Tanorè, S. Pietro di Barbozza:
Cartizze dry
Gefällt mit schöner Würze, dazu kreidig und Noten von Kräutern; mineralische Ader, saftig, Birne und Bratapfel, animierender Typus.

Valdo, Valdobbiadene:
Cartizze Cuvée Viviana dry
Williamsbirne; vollmundig, wunderbar würzig, stahlt Wärme aus, sanft, saftig, trotz etwas höherer Süße sehr fein und animierend.

Zardetto, Conegliano:
Cartizze „C“
Angenehm, deutliche Limette; frisch und zupackend, erdige Note, rassige Art, insgesamt recht brav und gediegen klassisch.