Orangewein

Zwischen Amphore und Avantgarde

Ein Artikel von Gerald Stiptschitsch | 13.02.2026 - 14:22

Rot, Weiß und Rosé – diese drei Farben prägen seit Jahrhunderten unser Verständnis von Wein. Doch seit einigen Jahren sorgt eine weitere Kategorie für Gesprächsstoff: Orangewein. Dabei handelt es sich nicht um Wein aus Orangen, sondern um Weißwein, der wie ein Rotwein hergestellt wird. Diese besondere Art der Vinifikation verleiht ihm seine charakteristische Farbe und ein eigenständiges Geschmacksprofil.

Vor allem in Italien, Slowenien und Georgien hat sich die Stilistik etabliert, doch längst sind auch österreichische Winzerinnen und Winzer auf den Geschmack gekommen. Was heute als Trend gilt, ist in Wahrheit eine uralte Methode, die nun eine Renaissance erlebt.

Weiß gekeltert wie Rot

Das Geheimnis des Orangeweins liegt in der Maischegärung. Während klassischer Weißwein in der Regel ohne längeren Kontakt mit den Traubenschalen vergoren wird, bleiben beim Orangewein die Schalen bewusst über Wochen hinweg im Most. Genau wie beim Rotwein geben sie Farbstoffe, Gerbstoffe und Aromakomponenten ab.

Die Trauben sind dabei weiß. Durch den intensiven Schalenkontakt entsteht jedoch eine Farbpalette, die von sattem Bernstein über Kupfer bis hin zu leuchtendem Hellorange reicht. Je nach Rebsorte, Dauer der Maischestandzeit und Ausbau variiert die Tönung deutlich.

Diese Herstellungsweise macht Orangewein gewissermaßen zum Gegenstück des Rosé: Während Rosé aus roten Trauben nach dem Prinzip eines Weißweins produziert wird, entsteht Orangewein aus weißen Trauben nach dem Prinzip eines Rotweins.

Ursprung in Georgien

Die Wurzeln dieser Methode reichen rund 4.500 Jahre zurück. In Georgien wurden Trauben gemeinsam mit ihren Schalen in großen Tonamphoren – den sogenannten Qvevris – vergoren und anschließend in der Erde vergraben. Diese traditionelle Technik erlaubte eine langsame, natürliche Gärung und Reifung.

Noch heute gilt Georgien als Wiege des Orangeweins. Viele Produzenten knüpfen bewusst an diese Tradition an und setzen erneut auf Amphoren. Auch in anderen Weinregionen Europas wird wieder vermehrt mit dieser historischen Technik experimentiert. Der Trend ist somit weniger eine Modeerscheinung als vielmehr eine Rückbesinnung auf ursprüngliche Weinbereitung.

Charakter mit Ecken und Kanten

Geschmacklich unterscheidet sich Orangewein deutlich von klassischem Weißwein. Durch die lange Maischestandzeit enthält er mehr Tannine, was ihm Struktur und Griffigkeit verleiht. Häufig zeigen sich herbe, würzige Noten, manchmal auch nussige oder leicht oxidative Aromen. Trockenfrüchte, Kräuter, Tee oder Honig können im Duft ebenso auftreten wie eine dezente Bitternote am Gaumen.

Viele Orangeweine werden zudem unfiltriert abgefüllt. Das verleiht ihnen ein leicht trübes Erscheinungsbild und unterstreicht ihren naturbelassenen Charakter. In der Naturweinszene genießen sie deshalb besondere Aufmerksamkeit.

Nicht jeder Schluck ist gefällig – und genau das macht ihren Reiz aus. Orangewein fordert heraus, eröffnet neue Geschmackserlebnisse und lädt dazu ein, Wein jenseits vertrauter Kategorien zu entdecken.

Vielseitiger Speisenbegleiter

Gerade in der Küche erweist sich Orangewein als spannender Partner. Dank seiner Struktur und Würze passt er hervorragend zu kräftigen Gerichten, zu gereiftem Käse, orientalischen Gewürzen oder fermentierten Speisen. Auch zur vegetarischen Küche mit Röstaromen oder zu Gerichten mit Pilzen entfaltet er sein Potenzial.

Seine Tanninstruktur verleiht ihm mehr Rückgrat als vielen Weißweinen, gleichzeitig bleibt er frischer und lebendiger als die meisten Rotweine. Diese Zwischenstellung macht ihn zu einem vielseitigen Begleiter am Tisch.

Zwischen Tradition und Zeitgeist

Orangewein steht sinnbildlich für eine neue Offenheit in der Weinkultur. Er verbindet jahrtausendealte Techniken mit modernem Qualitätsbewusstsein und experimenteller Neugier. Was einst in georgischen Amphoren begann, findet heute seinen Platz auf Weinkarten ambitionierter Restaurants und in den Kellern innovativer Winzer.

Wer Orangewein probiert, entdeckt nicht nur eine neue Farbe im Glas, sondern auch ein Stück Weinbaugeschichte. Zwischen Bernstein und Hellorange schimmert die Erkenntnis, dass Fortschritt manchmal im Blick zurück liegt.